I. Aufnahme- und Orientierungsphase
Jeder neue Patient wird einer Bezugsgruppe zugeordnet, die von einem Gruppentherapeuten geleitet wird. Der Gruppentherapeut ist die Haupt-Bezugsperson des Teams für die Patienten.
In der 1. Woche machen sich die Patienten mit den Therapie- und Tagesabläufen sowie der Hausordnung in der Klinik vertraut. Neben der Teilnahme an den Bezugsgruppen und den regulären ergotherapeutischen und physiotherapeutischen Veranstaltungen nehmen sie in der 1. Woche hauptsächlich an der Aufnahmegruppe teil.
Im Kontakt mit den Patienten hat der Aufbau einer tragfähigen therapeutischen Beziehung oberste Priorität. Die ambivalente Haltung gegenüber der Behandlung, die viele Patienten bei Aufnahme mitbringen, muss durch eine gute Bindung an die therapeutische Gemeinschaft aufgefangen werden.
Die Auseinandersetzung von Patienten mit ihrer Biographie und ihrer Abhängigkeitsentwicklung im Aufnahmegespräch hat nicht nur diagnostischen, sondern auch therapeutischen Wert: Es werden gemeinsam Therapieziele formuliert und Visionen für die Zeit der Behandlung entwickelt, die bei den Patienten Hoffnung auf einen Therapieerfolg erzeugen und ihnen das Gefühl geben, die Behandlungszeit sinnvoll nutzen zu können.
Einen wichtigen Raum nimmt dabei die psychotherapeutische Diagnostik ein, die vom Gruppentherapeuten im Erstgespräch nach folgenden Richtlinien erhoben wird:
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störungsspezifisch nach ICD 10
Abbildung eines Störungsprofils-Diagramms zur Verdeutlichung für den Patienten im Hinblick auf die Entwicklung von Therapiezielen.
Diagnostik nach OPD (operationale psychodynamische Diagnostik).
Verifizierung der erhobenen Diagnosen durch psychodiagnostische Verfahren Sowie des ICF (International Classification of Functioning) |
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systemisch mittels eines klinikinternen Anamnesebogens für den Therapeuten, ergänzt durch einen Fragebogen für den Patienten Verdeutlichung der Zusammenhänge für den Patienten durch Erstellen eines Genogramms (graph. Darstellung der Familienstruktur). |
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berufs-/arbeitsspezifisch mit einem klinikinternen Fragebogen, der Prozess (Schule und beruflicher Werdegang) und Status (aktuelle Situation) erfasst. |
Es handelt sich also um eine dreidimensionale Diagnostik:
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= 3-dimensionale Diagnostik: |
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| 1.) Störung |
2.) Systemdynamik |
3.) Arbeit und Beruf |
II. Integrationsphase
Der Patient kennt nach einer Woche den Therapieablauf und die Haus- und Behandlungsordnung.
Eine Konfrontation mit intensiven psychotherapeutischen Indikationsgruppen (z.B. körperpsychotherapeutische und konfrontierende Verfahren) ist daher zu diesem Zeitpunkt in aller Regel noch verfrüht. Um eine maximale Offenheit und Bereitschaft unserer Patienten für intensive therapeutische Erfahrungen zu erreichen, ist eine gute Vorbereitung notwendig. Daher nehmen die Patienten zunächst an übenden Indikationsgruppen teil (z.B. Wirbelsäulen-Gymnastik, Freizeitgruppe, Mentales Training, imaginative Entspannung, Meditation,), die in offener Form stattfinden. Hier werden sie für die geplanten Therapieinhalte sensibilisiert, bauen Vorbehalte und Ängste ab und entwickeln die Bereitschaft, mit neuem Verhalten zu experimentieren.
Die Bezugsgruppe als „sichere Basis“ (oder „rahmendes System“) vermittelt durchgängig Stabilität und Kontinuität. Hier können Patienten die ersten Versuche wagen, offen über ihre Probleme zu sprechen.
Die Teilnahme an den themenzentrierten hausinternen aber auch externen Selbsthilfegruppen ist ein wichtiges Übungsfeld, Eigeninitiative im Umgang mit der Abhängigkeitserkrankung zu entwickeln und Berührungsängste im Umgang mit Selbsthilfegruppen zu überwinden. Dies erleichtert den Schritt, sich nach der Therapie einer Selbsthilfegruppe am Heimatort anzuschließen. In der Großgruppe unter Leitung des Chefarztes oder des Leitenden Therapeuten trainieren die Patienten die Fähigkeit, vor mehreren Personen zu ihrer Krankheit zu stehen und zu therapierelevanten Themen in freier Rede Position zu beziehen.
Eine Sensibilisierung für die therapeutische Arbeit erfolgt in Partner- und Familiengesprächen auch für die Angehörigen, sowohl im individuellen Setting mit dem Bezugstherapeuten als auch im Rahmen eines Angehörigenseminars. Wichtige Ziele sind dabei der Ausgleich von Informationsdefiziten bei den Angehörigen bezüglich des Krankheitsbildes und der teilstationären Behandlung. Auf der Beziehungsebene steht der Aufbau eines stabilen Arbeitsbündnisses mit der Familie des Patienten im Vordergrund. Den Angehörigen wird verdeutlicht, dass sie trotz der räumlichen Distanz in die Behandlung des Patienten einbezogen sind. Die Angehörigen können Ängste und Vorbehalte, aber auch Erwartungen und Vorstellungen in Bezug auf die Behandlung offen äußern und mit dem Patienten sowie dessen Gruppentherapeuten klären.
Die Dauer der Integrationsphase ist abhängig von der Einschätzung des Behandlungsteams, wobei auch die Selbsteinschätzung des Patienten berücksichtigt wird. Der Eintritt in die nächste Phase der Behandlung erfordert eine sorgfältige Vorbereitung, ggf. auch eine Modifikation der bisherigen Therapieziele. Als Entscheidungshilfe für eine weitere Weichenstellung der Therapie nutzt der Gruppentherapeut die wöchentliche fallbezogene Teamsupervision, in der alle an der Behandlung beteiligten Professionen zu dem vorgestellten Patienten Stellung nehmen, um einen möglichst vollständigen Eindruck über den bisherigen Therapieverlauf zu erhalten. In einem Orientierungsgespräch bilanziert der Gruppentherapeut mit dem Patienten den bisherigen Verlauf und reflektiert bzw. modifiziert mit ihm die Therapieziele und ggf. die Verweildauer in der Behandlungsphase und/oder der Klinik (z.B. Verkürzung oder Verlängerung).
III. Phase der Durcharbeitung und Neuorientierung
In dieser Phase fördern wir die intensive Auseinandersetzung des Patienten mit den seine Abhängigkeitsstörung aufrechterhaltenden Bedingungen. Dies sind in der Regel innere und äußere Konflikte (z.B. Schuldgefühle, Probleme in Partnerschaft und Familie), Störungen der persönlichen Erlebnisverarbeitung (z. B. Angst, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen) und Probleme in sozialer (z.B. Schulden) und beruflicher (z. B. Arbeitsplatzverlust) Hinsicht. Im Unterschied zum vorangegangenen Behandlungsstadium nimmt er nun an geschlossenen psychotherapeutischen Indikationsgruppen teil, die mehr konfrontativ-lösungsorientiert (z.B. Angstbehandlung, Stressbewältigung) bzw. mehr erlebnisorientiert ausgerichtet sind (Körperpsychotherapie, Familienskulpturen).
Im Rahmen der Therapieverlaufsplanung entscheidet der Gruppentherapeut mit dem Patienten über die Kombination verschiedener Indikationsgruppen-Module.
In der Bezugsgruppe setzt sich der Patient mit dem Thema „Rückfallprophylaxe“ auseinander. Dies beinhaltet die Früherkennung eines drohenden Rückfalls (Warnsignale), die bewusste Wahrnehmung künftiger rückfallauslösender Situationen und Erlebnisse und den Entwurf eines Notfallplanes zum rechtzeitigen Krisenmanagement vor einem drohenden bzw. kurz nach einem erfolgten Rückfall. Unter diesem Aspekt geht der Gruppentherapeut auf die Gefährdung eines effektiven Krisenmanagements durch das Abstinenzverletzungssyndrom ein, was durch starke Scham- und Schuldgefühle des Patienten bestimmt ist und die Bereitschaft zur Annahme von Hilfsangeboten in einer Rückfallsituation hemmt. Rollenspiele besonders gefährdender Situationen in Form eines Ablehnungstrainings sowie gemeinsam in der Gruppe erarbeitete individuelle Coping-Strategien runden die Thematik ab.
Die therapeutische Intensität ist auf Grund des problemzentrierten und konfrontativen Charakters der Therapieveranstaltungen gegenüber der Integrationsphase erheblich gesteigert. Die jetzt stattfindenden Angehörigengespräche tragen die wesentlichen Therapieinhalte in die Familie hinein. Unterschiedliche Vorstellungen von Patienten und Angehörigen bezüglich der Gestaltung des weiteren Zusammenlebens werden thematisiert, Lösungsmodelle entwickelt. Gegen Ende dieses Therapieabschnitts im Rahmen von Außenaktivitäten wird der Patienten ermutigt in ein Realitätstraining vor Ort einzutreten. Im Verlauf eines solchen Realitätsanpassungstrainings erhält der Patient die Aufgabe, Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe aufzunehmen und sich bei der einweisenden Beratungsstelle, dem Arbeitgeber bzw. dem Arbeitsamt sowie dem Hausarzt zu melden. Diese Regelung verfolgt das Ziel, den Patienten rechtzeitig auf die Übernahme von Eigenverantwortung für seinen weiteren Weg nach der Therapie vorzubereiten.
Am Ende dieser Behandlungsphase findet ein zweites Bilanzgespräch statt, worin Patient und Gruppentherapeut die bisherige Therapie resümieren und den weiteren Prozess mit den geplanten Therapiezielen abstimmen. Es ergibt sich wiederum die Gelegenheit, als Konsequenz aus der Bilanz einzelne Therapieziele zu modifizieren, die geplante Behandlungsdauer zu überdenken und ggf. zu verlängern oder auch zu verkürzen. Der bisherige Verlauf gibt zudem Hinweise auf die Notwendigkeit einer ambulanten Nachsorge im Anschluss an die stationäre Therapie.
Im Sinne einer möglichst nahtlosen Behandlungskette werden entsprechende Maßnahmen mit den Nachbehandlern (Beratungsstellen, niedergelassene Therapeuten vor Ort) abgestimmt. Der Gruppentherapeut nutzt die fallbezogene Teamsupervision, um sich in offenen Fragestellungen und Entscheidungen mit dem therapeutischen Team zu beraten, bevor der Patient den letzten Therapieabschnitt beginnt.
IV. Phase der Ablösung und Wiedereingliederung
Hier geht es um eine verstärkte Außenorientierung des Patienten: Der Transfer bisher geleisteter therapeutischer Arbeit in das gewohnte Lebensumfeld ist das Hauptziel dieses Therapieabschnitts. Diese Intention bestimmt auch die Auswahl von Indikationsgruppen.
Verbesserung der psychischen Belastbarkeit, Durchsetzungsfähigkeit, kommunikative Fertigkeiten und EDV-Kenntnisse sind in diesem Zusammenhang wichtige Ziele. Indikationsgruppen wie Selbstsicherheitstraining, Arbeit und Beruf und PC-Kurse tragen diesem Bedarf Rechnung.
Parallel hierzu werden von ergotherapeutischer Seite in Abstimmung mit dem Gruppentherapeuten externe Praktika in Unternehmen aus der näheren Umgebung organisiert, um den Patienten realitätsnahe Belastungserprobungen zu ermöglichen. Hierbei ist aus medizinischer Sicht die körperliche Belastbarkeit interessant, die der Patient während solch einer Arbeitserprobung zeigt.
Die seitens der kooperierenden Betriebe erfolgenden Rückmeldungen über das soziale Verhalten und die Arbeitsleistung sind weitere Parameter zur Kursbestimmung der beruflichen Integration. Zudem ist geplant in Kooperation mit einem Berufsförderungswerk ein 2-tägiges Intensivseminar zum Thema „Berufliche Orientierung“ anzubieten. Hier haben die Patienten die Gelegenheit, sich z.B. über Wege der Antragsstellung bei Umschulung, beruflicher Rehabilitation sowie über weitere Ausbildungsinhalte und notwendige Nachqualifikationen zu informieren.
Darüber hinaus erfolgt eine psychodiagnostische Leistungsuntersuchung, deren Befund dem Reha-Berater des Patienten zugestellt wird, sodass dieser noch vor Entlassung des Patienten notwendige Maßnahmen einleiten kann. So kann wertvolle Zeit genutzt werden, und der Patient verlässt die Klinik mit einem klaren Ziel vor Augen.
In einem bilanzierenden Gruppengespräch werten Patient und Bezugstherapeut das Ergebnis des Realitätsanpassungstrainings aus. Es werden potentiell rückfallgefährdende Situationen herausgearbeitet. Die Aufgabe des Patienten ist es nun, mit Unterstützung des Therapeuten und der Mitpatienten, den im vorangegangenen Therapiestadium erstellten Rückfall- Notplan nochmals auf die erwartete Realität hin zu überprüfen.
Im Abschlussgespräch mit seinem Gruppentherapeuten bilanziert der Patient seine Behandlung. Im Rückblick auf Therapiezieldefinition, Therapieplanung und Therapieverlauf wird eine abschließende gemeinsame Bewertung vorgenommen. Der Therapeut teilt dem Patienten seine prognostische Einschätzung des künftigen Krankheitsverlaufes mit und betont nochmals die Wichtigkeit eines regelmäßigen Selbsthilfegruppenbesuches sowie die Einhaltung von vereinbarten Nachsorgemaßnahmen.
Der Patient verabschiedet sich in seiner Bezugsgruppe und nimmt das Feedback der anderen Gruppenmitglieder entgegen. Die Verabschiedung vor der Großgruppe verdeutlicht den Abschied aus der Therapie im Sinne eines Abschiedsrituals: Der Patient beendet mit diesem Ritual das Kapitel seiner Behandlung und kehrt in sein soziales Umfeld zurück.